Entwidmung der Gustav-Adolf-Kirche

Predigt anlässlich der Entwidmung der Gustav-Adolf-Kirche Leinhausen am 06. Mai 2007 durch Frau Landessuperintendentin Dr. Spieckermann

Was für ein Tag, liebe Gemeinde! Zum ersten und letzten Mal stehe ich auf dieser Kanzel. Zum letzten Mal sind Sie, liebe Leinhäuser, in ihrer geliebten Kirche. Einige sind unter uns, die sind als Kirchenvorsteher sogar ganz am Anfang dabei gewesen: Sie, Herr Kirchhoff, waren schon bei der Grundsteinlegung am 2. Juni 1965 dabei. Sie, Frau Drösemeyer und Herr Thiel, als die Kirche sechs Jahre später, am 2. Juni 1971, endlich durch Landessuperintendent Schnübbe eingeweiht werden konnte. Frau Drösemeyer – sie weiß es noch genau – hat damals das (Abendmahls-)Brot herein getragen. Heute wird sie es heraustragen.

Letzter Gottesdienst am 27. April 2007

Ja, das geht schon nahe. Wie viele von Ihnen sind hier getauft worden – zum letzten Mal wurde vor einer Woche getauft. Wie viele sind konfirmiert und getraut worden: Ihr werdet das nicht vergessen. Und auch an die denken wir, die nicht mehr unter uns sind. Auch Sie gehören in die Gemeinschaft des Glaubens, die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten mit hinein. Ich nenne stellvertretend für so viele den letzten Kirchenvorstandsvorsitzenden, Herrn Witte, der den Weg der Fusion mit der Herrenhäuser Gemeinde, den Weg des Verkaufs so mutig und klug mit auf den Weg gebracht hat

Ich konnte in den letzten Tagen bereits die schönen „Erinnerungen an die Gustav-Adolf-Kirche“ durchblättern – darauf können Sie sich freuen! Da steht einem im wahrsten Sinne des Wortes farbig vor Augen, mit wie viel Leben und Liebe und Herzblut Sie hier Gemeinde gebaut haben. Aber auch dies: In den Schoß gefallen ist Ihnen nicht viel. Mit Sparsamkeit haben Sie schon immer leben müssen. Ganz schnell ging hier nichts: Wenn man Eine-Mark-Wertscheine des Kirchbauvereins sieht, wenn man sieht, in wie viel Etappen die Kirche immer weiter vollendet und verschönert wurde, und wie viel Leinhäuser Gemeindeglieder dazu gespendet haben, dann zeigt das: Das ist wirklich Ihre Kirche.

Ja, das geht schon nahe. Was können wir an einem Tag wie diesem Besseres tun, als wieder – wie so oft in der Vergangenheit, und wie hoffentlich auch in Zukunft, oft in der nun gemeinsamen Herrenhäuser Kirche – die Bibel aufzuschlagen. Uns begleiten und stärken zu lassen durch Gottes Wort.

Ich lese die Emmausgeschichte, Lukas 24, 13-35:

Zwei von den Jüngern gingen am Ostertag in ein Dorf, / das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, / als sie so redeten und sich miteinander besprachen, / da nahte sich Jesus selbst / und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, / dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, / der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, / der ein Prophet war, / mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn unsere Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet / und gekreuzigt haben. Wir aber hoffen, / er sei es, / der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, / dass dies geschehen ist. Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, / die sind früh bei dem Grab gewesen, / haben seinen Leib nicht gefunden, / kommen und sagen, / sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, / die sagen, er lebe. Und einige von ihnen gingen hin zum Grab / und fanden´s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, / zu trägen Herzens, all dem zu glauben, / was die Propheten geredet haben! Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten / und legte ihnen aus, / was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, / als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.

Und es geschah, / als er mit ihnen zu Tisch saß, / nahm er das Brot, / dankte, / brach´s / und gab es ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet / und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, / als er mit uns redete auf dem Wege / und uns die Schrift öffnete? Und sie standen auf zu derselben Stunde, / kehrten zurück nach Jerusalem / und fanden die Elf versammelt / und die bei ihnen waren; die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, / was auf dem Weg geschehen war / und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach.

Zwei auf dem Weg, liebe Gemeinde. Ohne Illusionen. Was sie gehofft haben, was sie geglaubt, worauf sie gesetzt haben – ist zerbrochen. Sie treten den Rückweg an. Weg vom Ort, an dem die Welt in Ordnung war. An dem ER war, Jesus, der Garant für das andere, das heile Leben. An dem Gott nahe war. Konkret, lebendig. Ohne Illusionen. Auf dem Rückweg.

In diesen Tagen wird hier im Stadtkirchenverband viel über das Sparen diskutiert: Auf dem Rückweg. Nichts bleibt, wie es ist, heißt es. Willkommen in der Realität, stand gestern über einem Zeitungskommentar. Leicht gesagt! Die Kirche und mit ihr der Stadtkirchenverband wagen etwas, wovor wir in unserer Gesellschaft noch immer die Augen verschließen. Offenzulegen, ernst zu machen mit dem, was wir noch können, und mit dem, was wir schon lange nicht mehr können! So diskussionswürdig manches ist: Mit diesem Realitätssinn ist die Kirche ein Vorbild für unsere Gesellschaft!

Sie, die ehemalige Leinhäuser Gemeinde, haben damit schon viel früher angefangen. Sie haben viel früher gemerkt: Es ist nicht mehr so, wie es in den Jahren der Gründung, des Aufbaus war. Als man Ende der 50er Jahre die „Kolonie“ der Eisenbahner umfassend sanierte und neu aufbaute. Und als sie Stück für Stück dies Zentrum aufbauten: Vor jetzt genau 40 Jahren konnte der untere Teil eingeweiht werden – die Glocken waren auch gerade da und konnten dazu läuten. Und ganz plastisch hat man einen halben Schlüssel übergeben. Und dann dauerte es noch einmal vier Jahre, bis die Kirche hier oben eingeweiht werden konnte. Die Decke noch unverkleidet, die Altarwand dunkel, die Fenster aus reinem Fensterglas: Und doch eine große Freude für die Gemeinde.

Und es ging weiter: Die Decke, dann die Fenster von Hubert Distler, die Altarwand mit den Bildern aus Chile: Verbindung mit denen, die unter ganz anders harten Verhältnissen ihr Christsein leben. Schließlich 1998 noch das Kreuz. Und vor allem und in allem: Menschen, die hier ein- und ausgingen, die sich versammelt, Gottesdienst gefeiert, geplant, mitgeholfen haben. Weil sie hier ihre Heimat finden, im Leben und auch im Sterben. Weil sie hier Gemeinschaft finden unter Gottes Wort. Weil hier jeder bei seinem Namen gerufen ist. Keiner zu klein und keiner zu groß. Keiner zu arm und auch keiner zu reich.

Ja, und dann merkten Sie schon in den 90er Jahren: Es geht so nicht mehr weiter. Es ziehen zu viele weg. Es kommen zu wenige nach, und die kommen, gehören oft anderen Konfessionen oder Religionen an, wenn überhaupt. Liebe Pastoren Weisker, Grießhammer und Pastorin Lampe-Densky, liebe Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher: Sie sind dem nicht ausgewichen. Sie haben nicht gesagt: Wird schon werden. Sie haben sich damit auseinandergesetzt. Auf den Weg gemacht. Den Rückweg. Das war mutig. Ohne Illusionen.

Ja, liebe Gemeinde, bleiben wir hier, auf diesem Weg der zwei, kurz noch einmal stehen. Ich glaube, die meisten von uns kennen ihn. Auch in ganz anderen Zusammenhängen. Auch ganz persönlich. In ihrem Leben. Den Weg zurück. Nicht: Immer schneller, immer weiter, immer höher. Nein, den Weg zurück. Wo Zukunft plötzlich abgeschnitten ist. Wo es nicht mehr weiter geht. Wo nichts bleibt, wie es ist. Wenn ein geliebter Mensch von uns geht. Wen ich mit der Diagnose schwerer Krankheit konfrontiert werde. Wenn ich vor den Trümmern meines Berufslebens stehe. Und in der Gemeinschaft der Christen eben auch: Wenn Heimat, vertraute Heimat verlassen werden muss.

Das ist ein harter Weg. Da gibt es nichts zu beschönigen. Die zwei sind nicht zum Spaß unterwegs. Sie tun das einzige, was ihnen bleibt: Über das alles reden. Wohl dem, der dann einen zum Reden hat. Der einen hat, der diesen Weg mitgeht.

Als wir im Pressegespräch zu diesem Entwidmungsgottesdienst zusammen saßen, fragte einer der Journalisten: Die Trauer, den Abschied, den das heute bedeutet: Das inszenieren Sie also. Ja, liebe Gemeinde: Was wird heute nicht inszeniert! Wir bemalen Särge, um den Tod etwas bunter aussehen zu lassen: Weil wir keine Hoffnung haben.

Die Bibel, und das ist für mich auch an einem Tag wie dem heutigen so tröstlich: Die Bibel inszeniert nicht. Die Bibel sagt nicht: Wir feiern Ostern, Christ ist erstanden, nun ist alles gut. Mao lebt. Die Bibel schreibt solche Geschichten: Da sind Jünger, die haben Jesus erlebt. Die sind von ihm berührt. Von der Kraft, die von ihm ausgeht. Und dann – sie erleben seinen Tod. Das Ende. Der nicht mehr beschreibbare Schock. Eine Welt zerbricht. Sie hören: Es geht weiter. Das Grab ist leer. Er lebt. Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Die Bibel schiebt das nicht beiseite. Kein Kopf hoch und wird schon werden. Da müssen wir durch. Klein ist fein. Oder was immer uns zu sagen einfällt. Die Bibel sagt: Ja, das ist so. Da treten zwei den Rückweg an. Stoßen sich hart an der Realität. Ohne Illusionen. Ihnen bleibt nichts, als zu gehen und zu reden. So wie Sie hier viel geredet haben. Und so, wie jetzt viel geredet wird. Wohl dem, der einen zum Reden hat.

Aber plötzlich geht einer mit. Ist einer da, der fragt: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Der hört zu: Ob da schon manches in ein anderes Licht rückt – ohne, dass wir es merken? Wie oft, liebe Gemeinde, mag ER auf dem Weg bis hierher mit dabei gewesen sein? Bei den vielen großen und den kleinen Schritten, die Sie getan haben? Der Entscheidung zum Verkauf. Der Entscheidung für die Jüdische Gemeinde. Den für alle Seiten nicht nur einfache Verhandlungen. Dem neuen Miteinander im Kirchenvorstand, dem neuen Vertrauen, auch bei schwierigen Erfahrungen? Dem Gefühl, allein gelassen zu sein - und dann geht es doch weiter? Und dann spricht ER mitten hinein, in unser Leben und in unsere Gemeinde: Musste ich nicht meinen Weg gehen? Musste ich nicht bis in die Tiefe des Kreuzes gehen, die Tiefe der Verlassenheit, wo wirklich nichts mehr bleibt, wie es war? Wo Verlust ist und Ende und von Gott nichts mehr zu spüren? Um Euch nahe zu sein. Um mein, um Gottes Reich dort beginnen zu lassen. Damit Neues wächst im Alten – nicht aus dem Alten. Im Ende ein Anfang. Im Tod Leben.

Ja, es ist so. Wir können nicht in das leere Grab blicken und an die Auferstehung glauben. ER selber muss kommen. Mit seine Nähe. Mit seinem Wort. Mit seiner Gemeinschaft. Brannte nicht unser Herz in uns; sagen die zwei, als er bei ihnen einkehrt. Als ER, der Gast, ihnen das Brot bricht. Sich selber mitteilt. Und sie ihn endlich erkennen. Und er nicht mehr da ist. Nicht zu fassen. Nicht festzuhalten.

Kein zu verteilendes und kein einzusparendes Geld. Aber mittendrin seine lebendige Wirklichkeit. Seine lebendigere Wirklichkeit als all unsere Realität.

Und die zwei stehen auf. Und gehen zurück. Dahin, woher sie kamen. Zu den anderen. Verkünden ihnen, was sie erlebt haben. Und die erzählen ihnen das Gleiche. Das ist Gemeinde!

Gott sei Dank für alles, was war! Ihnen sei Dank, der Gemeinde, den Mitarbeitenden, dem Kirchenvorstand, Ihnen, Frau Lampe-Densky, und auch dem Herrenhäuser Teil, mit dem Sie ja schon zusammengehören, Frau Uhlmann, Dem Superintendenten, Herrn Sundermann.

Gott geht manchmal überraschende Wege. Wir sind dankbar, dass er nebenher geht auch in all den Gesprächen mit der Liberalen Jüdischen Gemeinde. Wir sind dankbar, dass dieser Raum als Synagoge ein gottesdienstlicher Raum bleiben wird.

So segne Gott unseren Ausgang und Eingang. So gehe er mit uns auf unseren Weg hinaus und hinüber in die Herrenhäuser Kirche. So lasse er uns zusammenwachsen zu einer lebendigen Gemeinde. So segne Gott den Eingang unserer jüdischen Geschwister, wenn sie hier ihren Gottesdienst feiern werden. So gebe er sich immer wieder überraschend zu erkennen auf unserem Weg, in seinem Wort, im Brechen des Brotes, dadurch, dass mitten im Alten Neues wächst.

Brannte nicht unser Herz in uns?

Amen